Grundlage des Berliner Dialekts war Plattdeutsch (genauer gesagt, Ostniederdeutsch), das mehr als drei Jahrhunderte an der Spree gesprochen wurde. Der Handel orientierte sich damals hauptsächlich nach dem Norden Deutschlands.
Gerade aus dieser Zeit stammen solche als typisch berlinisch geltende niederdeutsche Wörter wie „det“(das), „kieken“( sehen), „kloppen“(klopfen), „Kopp“(Kopf), „wat“(was), „ick“(ich), „Appel“(Apfel) u. a. ( z. B. „Wat kiekt ihr so, wat kann ick denn dafür, det ick so bin?“). Wie man sieht, hat das Berlinische die zweite Lautverschiebung in vielen Fällen nicht durchgeführt („wat“, „det“, „Kopp“, „Appel“).
1437 zieht Kurfürst Fridrich II. in die uneinigen Schwesternstädte Berlin und Cölln ein und erklärt alle Bündnisse mit den anderen Städten für ungültig. Damit unterbricht er den Handel mit den nördlichen Gebieten Deutschlands, und die Kaufleute sind gezwungen, sich umzuorientieren, und suchen Anschluß an den Handel über Leipzig, wo das Obersächsische herrscht. Diese Tatsache wird für die weitere Entwicklung des Berlinischen sehr bedeutungsvoll. Erst jetzt erscheint im Berlinischen statt „G“ ein „J“ (z. B. „Ick wieje über 200 Pfund, det is unjesund“).
Man sagt jetzt „ville“(viel), „füffzich“ (fünfzig), „mehrschtendeils“(meistenteils), „Puckel“(Buckel). Aus dem Obersächsischen kommt auch das Umlauten des „au“ zu „oo“- „Oogen“ (Augen), „ooch“(auch), „koofen“(kaufen). Statt „ei“ erscheint „ee“-
„een“ (ein), „alleene“(allein), „keen“(keine). Aber das Umlauten von „ei“ zu „ee“ trifft nicht allgemein zu, sondern „ei“ bleibt bei altem „i“ (wie im Niederdeutschen) erhalten.
Ab 1685 kommen die vom Großen Kurfürsten ins Land gerufenen Hugenotten nach Berlin, und mit ihnen kommt das französische Element in die Berliner Mundart. Die Hugenotten finden ihre neue Heimat vor allem in der Mark Brandenburg und in Berlin. 1699 war jeder fünfte Berliner ein gebürtiger Franzose, was natürlich wichtige Folgen für die Sprache hatte. Der Einfluß des Französischen ist auch mit der Napoleonischen Besetzung verbunden, auch der preußische Königshof mit Französisch als Umgangsprache spielte eine große Rolle dabei. Aus dem Französischen kommen die Wörter wie „Buletten“ (gebratene Fleischklößchen), „Bulljong“(Boullion), „Madammken“ (Madam), „Malheur“(Unglück, Pech), „Plaisir“(Vergnügen), „partout“ (unter allen Umständen), „Paleto“ (Mantel), „Schißlaweng“( aus „ainsi ce la vint“ = so ging es zu, berl. -mit Schwung), auch einige stehende Wendungen: „Det is mir Pomade“= Das ist mir egal, „Ick hab de Nese pläng“=Ich habe die Nase voll. „Mir is janz blümerant“ soll von französischem „bleu mourant“ (blassblau, sterbend blau) stammen. Als Berlinismus wird oft auch der Ausdruck „mach keene Fisematenten“ genannt, den die Berliner aus „visite ma tente“ = frz. Besuche mein Zelt! – entwickelt haben. Der Legende nach riefen dies französische Soldaten während der französischen Besetzung der Stadt unter Napoleon den jungen Berlinern Mädchen hinterher. Bei den Müttern der Mädchen führte das zu der ernsten Ermahnung, keine „Fisematenten“ zu machen.
Noch ein starker Einfluß auf die Sprache der Berliner kam aus dem Hebräischen und Jiddischen ( Hebräisch durch Flüchtlinge im 16./17.Jahrhundert, Jiddisch durch Zuwanderung aus Osteuropa im 19./20.Jahrhundert). Als Zeugnisse dieser sprachlichen Beeinflussung dienen die Wörter wie „koscher“(einwandfrei, in Ordnung ), „mies“(schlecht), „meschugge“ (nicht bei Verstand). Die Redensart „Det zieht wie Hechtsuppe“ soll auf das jiddische „hech supha“ (Sturmwind) zurückgreifen. Viele hebräische und jiddische Wörter kamen ins Berlinische über das Rotwelsche: „ausbaldowern“ (mit Geschick findig machen), „beschummeln“(ein wenig betrügen), „Geseier“ (unnützes, als lästig empfundenes Gerede, Gejammer), „Schlamassel“ (schwierige, verfahrene Situation, in die jemand auf Grund eines ärgerlichen Missgeschicks gerät), „Tacheles reden“(jemandem unverblümt die Meinung sagen).
Auch auf der grammatischen Ebene weist das Berlinische seine typischen Besonderheiten auf, die sich im Laufe seiner geschichtlichen Entwicklung unter manchen der oben erwähnten sprachlichen Einflüssen herausgebildet haben.
Berühmt ist die oft gerügte mangelnde Unterscheidung der Berliner von Dativ und Akkusativ ( scherzhaft „AKKUDATIV“ genannt). Dieser grammatische Ärger der Berliner mit dem „Akkudativ“ wird in vielen Witzen und humoristischen Gedichten behandelt, wie im folgenden:
Ick liebe dir, ick liebe dich-
Wie’ s richtig heißt, det weeß ick nich
und is mich ooch Pomade.
Ick lieb nich uff den ersten Fall,
ick lieb nich uff den zweeten Fall-
ick lieb dir uff jeden Fall.
(aus: Bauer N. Berlinisch mit Leib und Seele)
Eigentlich verwechselt der Berliner beide Fälle überhaupt nicht, er verwendet immer den bequemeren Universalausdruck „ma“. Der Verfall des Akkusativs lässt einen Rückschluss auf die niederdeutsche Grundlage des Berlinischen zu, denn im Niederdeutschen gibt es für „mich“ und „mir“ nur eine Form – „mi“, was vom Berliner zum „maulfaulen“ „ma“ assimiliert wird.
Aber nicht nur mit dem Akkusativ, auch mit dem Genitiv hat der Berliner Probleme. Der zweite Fall wird meist durch solche Konstruktionen ersetzt wie: „meinem Vater seine Kusine“ (die Kusine meines Vaters), „der Mutter ihr Geburtstag(der Geburtstag der Mutter). Solche Umschreibungen des Genitivs sind auch für Plattdeutsch kennzeichnend.
Auch Konjunktionen, Präpositionen und Adjektive weichen oft vom hochdeutschen
Gebrauch ab:” ne zue Tür“ (eine geschlossene Tür=Die Tür ist zu.), „komm oben“(komm herauf). Die Konjunktionen behalten die alte Form : „als wie“(wie), „denn“(dann), „wie“ (als).
Pluralform wird mit dem Suffix „-er“ gebildet“ (scherzhaft Pluralis berolinensis genannt)- Klötzer, Stöcker usw.
Das so genannte Berliner Er ist eine in Berlin manchmal noch heute anzutreffende Form der Anrede, die früher im deutschsprachigen Raum allgemein als eine mögliche Anredeform gegenüber Untergebenen oder rangniedrigeren Personen verwendet wurde. So kann man in Berlin manchmal solche Fragen hören: „Hat sie denn die 5 Euro nicht vielleicht klein?“ oder „Hat er denn auch einen gültigen Fahrausweis?“ Hierbei werden keinesfalls Untergebene Personen so angeredet, meistenteils gebraucht man diese Anredeform in Bezug auf Kunden, die zu bedienen sind. Ebenso häufig ist der Ausdruck in der ersten Person Plural geläufig: “Na, haben wir entschieden was es denn jetzt zum Trinken sein soll? Oder „Da waren wir wohl een bisken zu schnell, wa?“
Berliner Dialekt ist also eine gesetzmäßig gebildete Mundart, die allerdings nicht wie andere bodenständig ist, sondern aus geschichtlichen Gründen vielen kulturellen und sprachlichen Einflüssen ausgesetzt war. Diese Eigenartigkeit des Berliner Dialekts macht auch die Berliner selbst zu einem besonderen Menschenschlag, über den Goethe nach einer Stippvisite in Berlin meinte: “Es lebt aber, wie ich an allem merke, dort ein so verwegener Menschenschlag zusammen, dass man Haare auf den Zähnen haben und mitunter etwas grob sein muss, um sich über Wasser zu halten.“ Auch Meyer Lexikon von 1874 berichtet über das großsprecherische Wesen der Berliner, die „ gern überall etwas hoch und anmaßend aufzutreten pflegen“. Die Einwohner der deutschen Hauptstadt selbst sind doch der Meinung: „ Der Berliner hat das Herz auf dem rechten Fleck und eine große Schnauze“. Jahrhundertelang entstanden im kulturellen und sprachlichen Schmelztiegel Dutzende und Hunderte von alltäglichen Konflikten, und die Berliner haben mit Hilfe ihrer Berlinismen die Fähigkeit entwickelt, Situationen derb-humorig zu kommentieren, ohne schwere Schimpfwörter einzusetzen oder gar in lautstarke Diskussionen zu verfallen – ein Umstand, der auf neu Zugezogene oft verwirrend wirken kann.
Heutzutage genießt der Berliner Dialekt kaum ein sehr großes Ansehen, wie früher. Die meisten Menschen streben danach, korrektes Hochdeutsch zu sprechen., und trotzdem hört und spricht man hier und da Berlinerisch als Umgangssprache in vielen unoffiziellen kommunikativen Situationen. Wer berlinert, dem traut man auch ein paar Sprüche zu. Um Konflikte humorvoll zu vermeiden oder gemütliche Atmosphäre zu schaffen, greift man zu Berlinismen, denn im Dialekt klingt alles immer lockerer und unbekümmerter.
Berlin hat sich in der letzten Zeit zu einer riesigen multikulturellen Metropole ent-
wickelt. Hier wohnen Vertreter von verschiedenen Mentalitäten, Kulturen, Konfessionen und Sprachen, die einander stark beeinflussen. Kommt Zeit, und man wird sehen, wie sich der Berliner Sprachgebrauch weiterentwickelt hat.
Aufgaben zum Thema: Berliner Sprachgebrauch
Aufgabe 1. Wie lauten die folgenden Wörter auf Hochdeutsch?
loofen, keen, Beene, Oogen, ooch, Arbeet, Kopp, uffpassen, alleene, jut, druff, Fleesch, Topp, kloppen, Uffjabe, glooben, janz, een bisken, Puckel,Äppelkisten
Aufgabe 2 Übersetzen Sie die folgenden Wörter ins Hochdeutsche!
knorke, Steppke, Göre, Pulle, schniecke, Pogge, Dickmilch, Schrippe, schnafte, verknusen, Jieper, Molle, plätten, denn, man, mang, wat, Penunse, überkandidelt, Sore, schnorren, Kiez, doof, Stulle, Omme, Visage, ausbaldowern, Exempel, Röhre, Kille, Karnickel, Budiker, drall, urst, Rabauke, schniecke, Jehampfle, seine Olle, Hämeken, Latschen, verkasematukeln
Aufgabe 3. Übersetzen Sie die folgenden Sätze ins Hochdeutsche!
a) Jleich und jleich jesinnt sich jern, det jilt für Damen und für’Herrn!
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