Auszüge

aus "STILKUNST. Ein Lehrbuch deutscher Prosa"

von LUDWIG REINERS

Verlag C. H. Beck Müchen, 1991, 542 S.

Ludwig Reiners (1896-1957), Dr. jur. und Dr. rer. pol. hat ein Gesamtwerk hinterlassen, dessen Umfang und thematische Fülle beeindrucken. Wer in einem nur etwa mehr als sechzigjährigen Leben rund zwanzig gewichtige, lesbare und – wie die Auflagenzahlen zeigen– gewiss auch gelesene Bücher geschrieben hat, der dürfte, so möchte man meinen, seine gesamte Zeit dieser Beschäftigung gewidmet haben. Doch Lüdwig Reiners schrieb "nebenberuflich".

Ludwig Reiners wurde nach dem Ersten Weltkrieg Börsenvertreter, war dann in führenden Positionen in verschiedenen deutschen und Schweizer Unternehmen tätig und leitete schließlich bis zu seinem Tod eine Textilfirma in München. Daneben schrieb er zahlreiche vielgelesene Bücher, unter anderem Biographien Friedrichs des Großen und Bismarcks.

"Die Zeit" empfahl Reiners’ "Stilkunst" für jedermann, der schreiben zu müssen oder zu können glaubt", denn: "Es gefällt als das brauchbarste unter einigen klugen Büchern, die über die deutsche Sprache geschrieben worden sind. . . . es gibt kein anderes Lehrbuch über gutes Deutsch, das in so gutem Deutsch geschrieben wäre. "

"Das umfangreiche Werk ist mit reichen Kenntnissen, viel Witz, pädagogischem Geschick, darstellerischem und stilistischem Können geschrieben. Es gibt wenige Bücher über einen so schwierigen Gegenstand, die sich so angenehm lesen". – "Frankfurter Allgemeine Zeitung"

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KURZE ZUSAMMENFASSUNGEN, RATSCHLäGE UND ZITATE

1. Die Bedeutung der deuschen Sprache

Die deutsche Sprache ist ihren Anlagen nach äußerst vielseitig, differenziert und ausdrucksstark. Reichtum und Wurzelhaftigkeit ihres Wortschatzes, Fähigkeit zur Neubildung, Logik der Betonung und Freiheit ihrer gesamten Gestaltung machen sie zu einer sehr kräftigen und nuancenreichen Sprache.

Aber diese Möglichkeiten unserer Muttersprache haben nur wenige voll ausgeschöpft. Die durchschnittliche deutsche Prosa nützt die Möglichkeiten der deutschen Sprache oft nicht aus und erreicht meist nicht die lebendige Anschauung und die durchsichtliche Klarheit unserer Nachbarsprachen. Dass unsere Sprache sich seit dreihundert Jahren nicht voll entfaltet hat, liegt in unserer politischen Geschichte begründet. Jahrhunderte hindurch stand Deutschland politisch, geistig und sprachlich unter dem Einfluss anderer Nationen. Das Französische versperrte unserer Sprache den Weg zur Gesellschaft, das Lateinische den Weg zu den Gelehrten und die politische Bevormundung den Weg zur öffentlichen Rede. Ein großer Teil der deutschen Prosa behielt etwas Undurchsichtiges und Unlebendiges, das auch heute noch oftmals unserer Schriftsprache anhaftet.

2. Wortwahl. Aktiver und passiver Wortschatz

Aber wir müssen hier unterscheiden zwischen Wörtern, die wir verstehen, und Wörtern, die wir selbst gebrauchen, zwischen dem passiven und dem aktiven Wortschatz. Der aktive, sprechende Wortschatz ist bei allen Menschen geringer als der passive, stumme. Es gibt eine Fülle von Wörtern, die bei den meisten Menschen gleichsam schlummern; zur genauen Wortwahl gehört aber ein griffbereiter Wortschatz. In allen Sprachen gibt es daher dicke Verzeichnisse der sinnverwandten Wörtern, in denen man die besonderen Ausdrücke nachschlagen kann.

Für die deutsche Sprache haben wir ein vorzügliches Buch dieser Art: Franz Dornseiffs "Der deutsche Wortschatz nach Sachgruppen". Wer ein solches Buch langsam durchblättert und ehrlich die Wörter anstreicht, die in den letzten zehn Jahren nicht gebraucht hat, der wird die Lücken seines aktiven Wortschatzes deutlich gewahr werden. Oder wann haben Sie zuletzt die Worte gebraucht: Anbruch, dämmern, schattenhaft, Huldigung, Menschenalter, Zwielicht, verehren, gewärtigen, Ränke, marktschreierisch, verdienstlich, übertölpeln, prellen, Zwistigkeit? Der Reichtum unserer Sprache tritt uns in einem solchen Buch nüchtern, aber handgreiflich entgegen.

Wer nicht daran glaubt, dass der besondere Ausdruck für den Prosastil entscheidend ist, der braucht nur einen einfachen Versuch zu machen. Ich erzähle den Inhalt einer kleinen Geschichte von Johann Peter Hebel, aber ich setze dabei überall die allgemeinen statt der besonderen Ausdrücke: auch sonst habe ich den lebendigen natürlichen Ton Hebels durch die allgemein üblichen Formen papierender Durchschnitsprosa ersetzt:

"Eines Tages kam ein Mann in ein Haus, und als er sich ausgezogen hatte und ins Bett ging, zog er seine Hausschuhe an und machte sie mit den Strümpfen fest. Ein anderer, der neben ihm schlief, fragte ihn, warum er das tue. Lieber Freund, sagte der erste, vor kurzem habe ich mich im Traum mit einem Stück Glas geschnitten und hatte solche Schmerzen im Fuß, dass mir das nicht wieder begegnen soll. "

Versuchen Sie einmal in diesem Text statt der allgemeinen Ausdrücke besondere zu verwenden – ein wenig Phantasie ist hierfür nötig – und dann vergleichen Sie die drei Lesearten, Ihre, meine und den Urtext Hebels. Der Unterschied ist verblüffend: mein Text ist allgemein, verblasen, nebelhaft, unerträglich. Ihr Text ist hoffentlich gute Durchschnittsprosa. Erst den Text Hebels (sehen Sie"Aufgaben" S. 48) zeigt den Meister, der mit einfachen Worten aus der kleinsten Erzählung ein Kunstwerk zu machen weiß.

3. Wortwahl. Stilkrankheiten. Gefährliche Beiwörter

Was geschieht, drücken wir mit dem Zeitwort, was ist mit dem Hauptwort aus. Was bleibt für das Beiwort übrig? Selbst Beschreibungen lassen sich häufig in der Form von Handlungen darstellen, also durch Zeitwörter. Auch die Beschreibung ist mehr Aufgabe des Zeitworts, denn wir sollen versuchen, sie in Handlung aufzulösen: das Reich der Sprache ist ein Reich der Bewegung. Das Beiwort wirkt statisch, erstarrend; es schadet den Kontur des Hauptwortes und verführt zur Vielwörterei.

Beiwörter gebrauchen wir, wenn sie etwas Neues sagen. Beiwörter, die nur verzieren, verstärken oder entbehrliche Schilderungen bringen, müssen wir streichen.

Abgegriffene und gesuchte Beiwörter sind gleich lästig. Das treffende Beiwort erscheint auf den ersten Blick überraschend, auf den zweiten selbstverständlich. Es unterscheidet verschiedene Arten seines Gegenstandes oder es hebt seine entscheidende Eigenart ins Licht.

4. Wortstellung

Die deutsche Wortstellung ist denkbedingt. Sie stellt die Worte nicht nur nach grammatischen Regeln, sondern auch nach ihrer inhaltlichen Bedeutung. Das Sinnwort verlangt eine Stelle, die den Redeton hat, also den Anfang oder den Schluss. Es steht im Vorfeld, wenn es gefühlsbetont oder aufschlussgebend ist, im Nachfeld, wenn es vorbereitet oder in gedanklichen Sätzen besonders unterstrichen werden soll.

Die deutsche Wortstellung neigt zu Rahmenbauten: zusammengehörende Satzteile werden klammernartig zusammengefasst. Aber diese Klammern haben nur dann wirkliche Spannung, wenn die Klammerworte (Ausgangspol und Zielpol) hinreichend stark und die Innenteile leithaftig und nicht zu umfangreich sind.

Die deutsche Wortfolge soll drei Göttern zugleich dienen:

·  wir müssen die grammatischen Regeln befolgen,

·  wir müssen die Worte denkbedingt anordnen und

·  wir müssen schließlich den Satz nach Takt und Rhythmus so gestalten, dass er auch dem Ohr wohlgefällt.

Es ist oft schwer, allen drei Göttern gerecht zu werden, und es bedarf zahlreicher Versuche, um die beste Wortstellung herauszufinden.

5. Satzbau. Ratschläge

Es gibt kein System der Satzbautechnik. Es sind nur einige Ratschläge möglich, und auch sie dürfen nicht sklavisch befolgt werden.

1.  Baue kurze Sätze! Keine Zwergsätze, aber das kurze Satzgefüge, das meist nicht mehr als zwei oder drei Zeilen umfasst.

2.  Setze die Hauptsachen in Hauptsätze!

3.  Wenn der Gedanke ein größeres Satzgefüge verlangt, so baue es flachgeschichtet und hilf dem Leser durch Doppelpunkte und Schaltzeichen.

4.  Die Rahmenbauten bergen manche Möglichkeiten, aber auch große Gefahren. Sie müssen durchsichtig sein und tragfähige Pole haben.

5.  Stopfe die Sätze nicht voll mit Umstandsbestimmungen; sie machen den Satz unklar und papieren.

6.  Baue Deine Sätze klar und übersichtlich; der Mörtel zahlreicher logischer Bindewörter ist dann entbehrlich.

6. Stilkrankheiten. Kampf gegen den Papierstil

Das Neuhochdeutsche war in seiner Jugend eine geschriebene, keine gesprochene Sprache. Aufgewachsen in Kanzleien, genährt von Büchern, erzogen im verschnürkelten Amtsstil eines oft pedantischen, überhöflichen Volkes ist es lange Zeit hindurch dem frischen Wind des Lebens nicht ausgesetzt gewesen. Aus dieser Vergangenheit rührt die Neigung vieler Deutscher, sich umständlich auszudrücken, die entschiedenen Worte zu vermeiden, überlieferte Kanzleiformeln heilig zu halten und vor allem den Unterschied zur Umgangssprache in der mechanischen Verlängerung jeder Wendung zu suchen. Lebensfremder Schulunterricht hat das Übel oft verschlimmert.

Kennzeichnend für den Papierstil ist auch die Vorliebe für das Passiv (Leideform), weil es umständlicher und unbestimmter ist und der ängstlichen Natur der Papierdeutschen entspricht. Wer schreibt, muss sich vorstellen, er rede zu einem guten Freunde; dann schreibt er von selbst einen lebendigen Stil.

7. Probleme der inneren Form. Bildkraft

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