Das Auge ist die liebste Erkenntnisquelle des Menschen. Deshalb müssen wir anschaulich schreiben. Zum anschaulichen Schreiben gehört dreierlei: beschreiben, verkörpern und Bilder finden.

Beschreiben heißt nicht Einzelheiten aufzählen. Beschreiсben heißt, eine Szene, eine Person, eine Landschaft als Ganzes empfinden und jenen einen Punkt herausfühlen, der sie von allem anderen unterscheidet. Wenn das nicht gegeben ist, der soll Beschreibungen vermeiden und statt dessen Vorfälle erzählen, in deren Verlauf das Aussehen der Sache von selbst deutlich wird.

Geistige Gebilde haben sich meist ein Wiederspiel in der körperlichen Welt. Dies Wiederspiel, diese sichtbare Seite des Abstrakten müssen wir dem Leser vor Augen stellen.

Die dritte Aufgabe, die Kunst des Bilderfinders, führt in eines der schwierigsten Stilprobleme. Bilder sind kein Schmuck, Bilder sind eine Notwendigkeit. Sie machen die Sprache anschaulich und damit angenehm, aber das ist ihr kleiner Verdienst. Nur in Bildern kann man die Eigenart vieler Dinge ausdrücken, nur in Bildern ihr verborgenes Wesen ans Licht bringen.

Gute Bilder werden nicht ausgedacht, sie kommem in blitzartiger Eingebung, die das Bild leuchtend und wirklich vor uns hinstellt.

8. Probleme der inneren Form. Knappheit

Die Leser lieben die Knappheit, weil sie sich so angenehm liest, und die Schriftsteller lieben die Breite, weil sie sich so leicht schreibt. Auch für den Stil gilt das Gesetz der abnehmenden Reizwirkung: je kleiner der Sprachaufwand im Verhältnis zum Inhalt, desto größer die Wirkung. Der Stil lebt vom Opfer. Knappheit gibt dem Stil eine stolze Kontur und schützt den Leser vor Schwindel. Aber sie ist kein Naturprodukt, sondern ein Kind des Rotstifts.

НЕ нашли? Не то? Что вы ищете?

Man kann unterscheiden zwischen Knappheit des Ausdrucks (sprachliche Kürze) und Knappheit der Darstellung (sachliche Kürze). Ausdrucksknappheit hält den Wortaufwand klein. Darstellungsknappheit unterdrückt entbehrlichen Inhalt.

Ausdrucksknappheit erfordert vor allem den Verzicht auf Flickwörter. Aber sie ist im Deutschen nur begrenzt möglich; denn unser Satzbau ist prädikativ (aussagend), nicht attributiv (anfügend); er enthält starke Spannungen, die klaren Aufbau verlangen.

Um so nötiger ist die Knappheit der Darstellung. Die Erzählung muss den Leser manches erraten lassen. Die Sachprosa darf nichts bringen, was der Leser schon weiß oder ergänzen kann oder nicht zu wissen braucht. Die Distribution, die immer erneute Abwandlung eines Satzes, ist eine wahre Sprachpest, die große Teile unserer Sachprosa befallen und ihre krankhafte Ausweitung hervorgefunden hat.

Verdichten, Einkochen ist eine der wichtigsten Künste jedes Prosastils, Kürzungsübungen ein unentbehrliches Mittel jeder Stilschulung.

Die Knappheit findet ihre Grenze dort, wo sie Unklarheit oder Missklang hervorruft.

In der erzählenden Prosa ist die Breite manchmal bewusstes Kunstmittel. Sie bedarf einer maßvollen Hand, sonst richtet sie als Umstandsstil jede Erzählung zugrunde.

9. Probleme der inneren Form. Klarheit

Das Problem der Klarheit ist ein Kernproblem unserer Prosa. In keinem Lande der Welt werden so schwer verständliche Bücher und Aufsätze geschrieben wie in Deutschland. Wir laufen Gefahr, ein zweisprachiges Volk – mit einer Sprache der Wissenschaft und einer Sprache des Alltags – zu werden, weil zu vielen Autoren der Wille zur Klarheit fehlt. Die einen schreiben unklar, weil sie die Technik des klaren Ausdrucks nicht beherrschen, die anderen, weil sie unklar gedacht haben, die dritten, weil sie mit dunklen Reden zu verbergen hoffen, wie armselig ihre Gedanken sind und die vierten, weil sie nicht die Wahrheit aussprechen wollen. Sie alle erheben die Dunkelheit zum Dogma, um hinter diesem Schutzwall ihr lichtscheues Gewerbe treiben zu können. Fahrlässige Unklarheit ist ein Vergehen, vorsätzliche ein Verbrechen. Schon Livius erzählt von einem Stillehrer, der seinen Schülern zu sagen pflegte: Mach’s dunkler. Nach diesem Ratschlag schreiben Tausende. Sie weigern sich, ihre Gedanken klar und hell auszusprechen, und mit Recht, denn wenn ihre Geisteskinder frei im unbarmherzigen Sonnenlicht dastünden, würden sie einen kläglichen Anblick darbieten. So hüllen sie ihre Gedanken in ein schützendes Dunkel und prädigen wieder die Klarheit, mit der man zwar die Gedanken Goethes, Schillers, Lessings und Schopenhauers hätte vortragen können, aber nicht die ihren. Sie handeln nach dem Ratschlag Paul Heyses:

"Lernt darum den Kunstgriff üben,

der euch den Erfolg verbriefe:

Müsst das seichte Wasser trüben,

dass man glaubt, es habe Tiefe. "

Der Schlüssel zur Klarheit ist die sprachliche Ordnung; ihre Regeln sind einfach und einleuchtend.

10. Probleme der innern Form. Klang

Die Prosa kann der nachbarlichen Hilfe der Poesie in Form und Gehalt nicht entraten. Prosa ist nicht ungebundene Rede, sondern minder gebundene, bei der die Logik der Melodik vorangeht.

Für die Klanggestalt, die Musik eines Satzes sind entscheidend Rhythmus, Satzmelodie, Zeitmaß (Tempo) und Lautgebung. Der Rhythmus wird beherrscht durch Häufigkeit, Regelmäßigkeit und Dauer der Pausen und durch die Tonfolge, also Zahl und Abstand der starkbetonten Silben. Die Satzmelodie besteht in der Stimmführung durch Höhen und Tiefen. Rhythmus und Satzmelodie hängen ab von Wortwahl, Wortstellung und Satzbau. Das Zeitmaß schwankt je nach der Art der inhaltlichen Darstellung. Die Lautgebung beruht auf der Anordnung der Selbst - und Mitlaute. Sie alle werden aber in Wahrheit regiert von dem geistigen Gehalt des Prosastückes.

Prosa, die ohne jedes muskulische Gefühl geschrieben ist, verklingt ohne Wiederhall. Die Klanggestalt entscheidet über das Schicksal des Satzes. "Musik, Musik vor allen Dingen, der Rest ist Literatur, mein Bester!" (Paul Verlaine). Der Mensch glaubt rhythmisch gut gebauten Sätzen viel eher als unrhythmischen. Wenn Rhythmus und Satzmelodie völlig willkürlich sind, so hat der Satz klanglich keine Führung. Sogleich werden wir auch gegen die geistige Struktur des Satzes misstrauisch, und meist mit Recht. Die deutsche Literatur ist reich an Sätzen, die nicht nur das dritte Ohr Nietzsches, sondern auch schon die beiden irdischen beleidigen.

Aber Klangschönheit lässt sich nicht willkürlich erzeugen. Sie fällt dem ungewollt in den Schoß, der den lebendigen angemessenen Ausdruck gefunden hat.

Erlernen lässt sich nur die Vermeidung grober Tonschnitzer. Lautes Vorlesen ist der einzige Weg zu diesem Ziel. Kenntnis einiger Erfahrungssätze wird ihn erleichtern. Man schreibt nicht mit der Feder, man schreibt mit Mund und Ohr.

11. Fremdwort und Neuwort

1. Fremdwörter, die keine fremden Wörter mehr sind, soll man nicht verdeutschen. Zu dieser Gruppe gehören zum Beispiel Kultur, Religion, Alkohol, sozial, Technik, Minister, Regierung und Kapitel. Sie sind unentbehrlich und allgemein verständlich. Für viele Fremdwörter dieser Gruppe ist überhaupt noch nie ein ernsthafter Ersatzvorschlag gemacht worden; unangefochten sind Diplomat, inkognito, Schema, Polemik, konkret, Dogma. Diesen Wörtern soll man Gastrecht gewähren.

2. Neben diesen stehen eine Reihe von Fremdwörtern, die durch einen erheblichen Sinnabstand von dem nächsten deutschen Wort getrennt sind: Problem, Argument, Methode, Manuskript, Diktat, abstinent, abstrakt und einige hundert andere. Wollen wir auf diese Fremdwörter verzichten und sie durch vorhandene deutsche Wörter ersetzen, so würden wir wesentliche Ausdrucksabstufungen einbüßen. Wir müssen daher bei dem heutigen Sachstand diese Wörter als unvermeidbar bezeichnen. Solange wir sie nicht durch glückliche Neuwörter verdeutschen können, sind sie unentbehrlich. Für eine Eindeutschung sind sie nicht hinreichend bekannt.

3. Aber diese beiden Gruppen umschließen nur einen Teil aller Fremdwörter. Für alle anderen müssen wir uns mit dem Satz begnügen: Ihr Lebensrecht ist eine Frage der Stilschicht. Sie sind auf bestimmten Stilebenen schädlich und lächerlich, auf anderen erlaubt, ja notwendig.

Die Poesie kennt kaum Fremdwörter. Die kunstvolle Erzählung und die Prosa großen Stils setzen Fremdwörter sparsam.

Anders die Sachprosa. Je mehr ein Werk wissenschaftlichen Charakter hat, je mehr er sich an die Fachgenossen wendet, desto mehr ist es berechtigt, Fachsprache zu wenden. In der Kollegenliteratur werden die fremdsprachigen wissenschaftlichen Termini stets einen Naturschutzpark genießen. Je mehr sich aber der Gelehrte an die große Lesewerk wendet, desto mehr wird er sich von diesen Fesseln frei machen müssen, die seine Sprache schwer verständlich und unschön machen können.

Aber auch in gepflegter Sachprosa ist es schwer, ja fast unmöglich, fremdwortfrei zu schreiben. Denn in vielen Fällen ist das Fremdwort notwendiges Kunstmittel, zum Beispiel wenn wir die Atmosphäre des Fremden heraufbeschwören oder Abstand schaffen wollen zwischen einem Begriff und den herkömmlichen Worten.

Aber wenn wir auch eine fremdwortfreie Sachprosa nicht erreichen können, so können wir eine fremdwortarme Sachprosa schreiben. Denn wenn wir prüfen, warum in einem Satz ein Fremdwort eingesetzt wurde, so finden wir oft: das Fremdwort entspringt der Bequemlichkeit.

Die Sprachreiniger pflegen zu sagen: Die Ungebildeten gebrauchen die Fremdwörter falsch, die Halbgebildeten richtig, die Gebildeten nie. Der Satz ist wenig glücklich. Richtig ist: Der Ungebildete braucht die Fremdwörter ständig – aus Bequemlichkeit; der Gebildete gebraucht sie sparsam – aus Gewissenhaftigkeit; der Dogmatiker gebraucht sie nie – aus Prinzipienreiterei.

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